Scherzhafte Gedanken über die Rosen


An Rosen such ich mein Vergnügen,
An Rosen, die die Herzen ziehn,
An Rosen, die den Frost besiegen
Und hier das ganze Jahr durchblühn,
An Rosen, die wir bei den Linden,
Sonst nirgends leicht so reizend finden.

Die Rose trägt das Blut der Götter
Und ist der Blumen Königin,
Ihr Antlitz sticht  das schönste Wetter 
Und selbst Aurorens Wangen hin,
Sie ist ein Stern der milden Erden
Und kann von nichts verfinstert werden.

Die Ros' erquickt die blöden Sinnen
Und hat das beste Zuckerrohr;
Ihr goldner Umfang bricht von innen
So wie Sonn' aus Nacht hervor;
Die Rose nährt die süßen Triebe
Und reizt die Liebe selbst zur Liebe.

Mit Rosen schmück ich Haupt und Haare,
Die Rosen tauch ich in den Wein,
Die Rose soll für meine Jahre
Die allerbeste Stärkung sein,
Die Rose zieret meine Flöten
Und krönt mich mächtigen Poeten.

Auf Rosen mach ich gute Reime,
Auf Rosen schläfet meine Brust;
Auf Rosen hab ich sanfte Träume
Von still' und warm' und weicher Lust,
Und wenn ich einst von hinnen fahre,
So wünsch ich Rosen auf der Bahre.
 

Johann Christian Günther (1695-1723)

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