Rosenleben

 

   
Ach Rose, die du, märchenhaft gestaltet, 
Wenn kaum der holde Lenz dahin gegangen,
Gleich wie ein Brief, den wir von ihm empfangen,
In stillem Zauber lieblich dich entfaltet:

Ich ahne, was als Leben in dir waltet,
Wenn deine Blätter, wie in Wollust, prangen,
Und wenn dein Duft in sehnendem Verlangen
Dem Kelch entschwebt, den seine Glut gespaltet.

Es ist dasselbe ungestüme Ringen,
Das auch in mir lebt, glühend und gewaltsam,
Zum Hohen und zum Höchsten vorzudringen.

Ich aber muß erst welken und vergehen,
Wenn du im Werden selbst schon unaufhaltsam
Beginnen darfst ein endlos Auferstehen. 
 

 

  Christian Friedrich Hebbel (1813-1863)  

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