Es war ein Rös’gen auffgegangen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
Es war ein Rös’gen auffgegangen
    Von Farbe war es Blut und Schnee;
Nach diesem trug ich ein Verlangen
    Und that mir seinet halben weh.

Jch wolte dieses Blümlein brechen
    Und griff mit Freuden schon darnach;
Begunte gleichwol mich zu stechen
    Dieweil ich allzukühne brach.

Die Rose blieb auff ihrem Dorne
    Jch aber gieng betrübt von ihr
Und sahe sie nun an mit Zorne
    Nach der ich vormahls trug Begier.

Doch, dacht ich, laß die Rose stehen
    Wer weiß, was vor ein Wurm sie nagt.
Denn mancher pflegt nach dem zu gehen
    was ihn hernachmahls ewig plagt.

Es ist offt dem was angeschmeisset
    Da man vor noch so reine hält
Und was von aussen schöne gleisset
    Jst offt von innen schlecht bestellt.

Sie ist dir nicht bescheert gewesen;
    Vielleicht ist wo ein ander Beet
Da du solt eine Rose lesen
    Die besser dir, als diese steht.

Wenn Blumen ihre Brecher schmähen
    Nur weil sie hoch und schöne sind
So wird man sie entblättert sehen
    So wird sie rühren Sturm und Wind;

Jst aber sonst was, so sie schützet
    So mögen sie beschützet seyn.
Es weiß doch niemand was ihm nützet
    Gott siehet unser Glück allein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Albrecht Christian Rotth  (1651-1701)

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