Die
Rose
Ich hab
den Traum der Rose belauscht,
der keusch vom kühlen Duft umsprüht
aus ihrer Blumenseele glüht;
ich hab ihn mit allen Sinnen belauscht
und mich berauscht.
Vom
Sonnenstrahl hat sie geträumt,
der tags in ihren Adern gärt,
sie nachts mit Tau und Mondlicht nährt,
der wild für
sie durchs Luftmeer schäumt,
damit sie träumt.

Doch
von dem Goldkäfer weiß sie nicht,
der mühsam ihren Kelch erklimmt,
von ihrem Duft betäubt sich krümmt,
den ihre rote Glut ersticht;
sie achtet's nicht.
So
prangt die Rose in keuscher Pracht
und freut sich ihrer Glut und lacht:
Ich habe die herrlichste Seele, Ich,
ich bin die Königin sicherlich
von meine Blumenschwestern!
Und
stahlblau kommt ein Falter geschwirrt,
der ihr von Liebe surrt und girrt.
Dem haucht sie gnädig zu: laß ab,
sonst wird mein glühender Schoß dein Grab,
ich bin die Braut des Lichtes!
Doch
als der dritte Mittag kam,
seit ich den Traum der Rose vernahm,
da hing ihr königliches Haupt
im Sonnenglanz gebeugt, verstaubt,
vom heißen Licht erstochen.
Richard
Dehmel (1863-1920)
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